Mittelstand 4.0


Digitalisierung verändert unser Leben, unsere Wirtschaft und unsere Arbeit. Viele Bereiche des Wirtschaftens auch in kleinen und mittleren Unternehmen sind bereits heute stark durch digitale Technologien geprägt. Mobiles Internet, Smartphones, Cloud und verteilte Zusammenarbeit haben hier in den letzten Jahren bereits zu großen Veränderungen geführt.
Der flächendeckende Einzug von Informations- und Kommunikationstechnologien in der Industrie, aber zunehmend auch in anderen Branchen, ist bereits in vollem Gange. Er führt durch den vielschichtigen Einsatz des Internets der Dinge, mobiler Vernetzung, flexibler Robotik und maschinellen Lernens zu einer Neugestaltung von Wertschöpfungsketten, die sich insbesondere im Bereich der Industrie an der wirtschaftlichen Fertigung der „Losgröße 1“ orientiert.

Während zu Beginn der Diskussionen um die Digitalisierung und Industrie 4.0 vor allem tiefgreifende Umwälzungen in einem breiten Feld von  Arbeitszusammenhängen, Tätigkeitsprofi len und Akkumulationsmodellen sowie damit einhergehend hohe Arbeitsplatzverluste erwartet wurden, hat in der Debatte mittlerweile ein realistischerer Blick Einzug gehalten. Aktuelle Studien betonen die Prozesshaftigkeit der Entwicklung, welche oft in Anschluss an bereits
vorhandene Technologien und Praktiken stattfindet und eher einem evolutionären, pfadabhängigen Modell zu folgen scheint.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) geht zudem davon aus, dass es statt zu einer hohen Automatisierung von Arbeitsplätzen und deren Substitution zu Veränderungen im Charakter der Berufe/Tätigkeiten und damit einem zukünftig höheren Anpassungsbedarf bei Arbeits- und Fachkräften  hinsichtlich ihrer Qualifi kationen und Kompetenzen kommt.
Digitalisierung ist dabei eine Chance für weite Teile der Wirtschaft. Dem industriellen Mittelstand bietet die Digitalisierung vor allem Potenziale im Hinblick auf mehr Effi zienz in Produktion und Lieferketten und eine Umsatzsteigerung durch neue digitale Geschäftsmodelle. Gleichzeitig ist sie aber auch eine Herausforderung, der sich die Unternehmerinnen und Unternehmer aller Branchen stellen müssen, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. Ob  produzierendes Gewerbe oder Handwerk, Dienstleistungssektor, Handel, Logistik, Baugewerbe oder genauso wie der Tourismus – alle Unternehmen werden ihre Produkte, Prozesse, Fertigungsverfahren sowie Dienstleistungs- und Geschäftsmodelle auf Digitalisierungsmöglichkeiten hin prüfen und für eine  zukunftsfähige Wertschöpfung am Standort anpassen müssen. Gerade vor dem Hintergrund strukturbedingter Nachteile, wie es z. B. höhere Produktionskosten, Probleme bei der Umsetzung eigener Forschungs- und Entwicklungsvorhaben, eine geringe Präsenz auf Auslandsmärkten, Schwierig keiten bei der Gewinnung von Fachkräften und eine geringe Marktmacht sind, müssen vor allem KMU neue Strategien entwickeln, um ihre Wettbewerbs fähigkeit langfristig zu erhalten.

Dabei bedarf es zum Teil der radikalen Veränderung von Geschäftsmodellen und einer teilweisen bis vollständigen digitalen Untermauerung der  Geschäftsprozesse, wie beispielsweise einer umfassenden digitalen Vernetzung zwischen den verschiedenen Maschinen, Organisationseinheiten sowie Planungs-  und Steuerungsmodulen. Dabei gibt es keine allgemeingültigen Lösungen, indes müssen die Unternehmen für sich selbst eine individuelle, passfähige Antwort finden, welche die Kundenbedürfnisse in den Fokus rückt.

Disruptive Technologien und Innovationen werden zudem heute kaum noch in einzelnen Unternehmen entwickelt. In den Fokus tritt immer stärker das Zusammenspiel verschiedener Wirtschafts- und Wissenschaftsbereiche, insbesondere auch die Vernetzung von Industrie mit der IT-Branche. Daher sind der effektive Transfer von Wissen und Innovationen aus Hochschulen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Wissenschaft und Start-ups entscheidende Schlüsselfaktoren. Den kleinen und mittelständischen Unternehmen in Thüringen bietet sich auch über internetbasierte Plattformen die Chance, flexibel und schnell eine unternehmensübergreifende Kollaboration über Branchengrenzen und Technologien hinweg zu organisieren und damit Produkte und Dienstleistungen speziell nach den Anforderungen der Kunden anzubieten.

Die Digitalisierung der Wirtschaft begünstigt technologische und prozessorientierte wie auch soziale Innovationen und bietet damit eine gute Basis für Gründungen. Zum einen ist in bereits bestehenden Unternehmen und Institutionen der Bedarf an digitalen Technologien und IT-Leistungen gestiegen, der  entsprechend spezialisierten Unternehmen und auch Gründern Geschäftsmöglichkeiten liefert. Zum anderen bietet die Nutzung digitaler Technologien und der  damit erzeugten Daten für Unternehmen und Gründungsinteressierte ein großes Potenzial für vollkommen neue Geschäftsmodelle. Untersuchungen im Rahmen des Länderberichts Thüringen im IAB-Betriebspanel 2016 ergaben, dass die Mehrheit der Thüringer Betriebe (68 Prozent) sich bereits mit Möglichkeiten  moderner Automatisierungs- und Digitalisierungstechnologien auseinandergesetzt hat. Vor allem Finanz- und Versicherungsdienstleister, Betriebe aus den Bereichen Erziehung und Unterricht sowie Verkehr, Information und Kommunikation sind in dieser Thematik überdurchschnittlich oft aktiv. Demgegenüber haben sich 28 Prozent der Betriebe in Thüringen damit überhaupt noch nicht beschäftigt. Insbesondere in Gesundheits- und Sozialwesen, Baugewerbe und den übrigen Dienstleistungen fällt die Beschäftigung unterdurchschnittlich aus.

Mit 67 Prozent sehen anteilig ähnlich viele Betriebe in Thüringen Potenziale in der Nutzung der genannten Technologien (Ostdeutschland 62 Prozent,  Westdeutschland 63 Prozent), wie sich zum Umfragezeitpunkt bereits mit Digitalisierungstechnologien auseinandergesetzt haben.

Gefragt nach ihrem derzeitigen Ausstattungsniveau mit diesen Technologien gaben Thüringens Betriebe auf einer Skala von 1 bis 10 durchschnittlich einen Wert von 5,8 an (Ostdeutschland 5,7, Westdeutschland 5,5). Die Einschätzungen unterscheiden sich nach Branchen und Betriebsgrößenklassen zum Teil erheblich. In Kleinstbetrieben (mit unter 9 Beschäftigten) ist das Thema weniger präsent als in größeren. So hat sich ein Drittel der Thüringer Kleinstbetriebe mit der Thematik bisher noch gar nicht befasst, während dies in allen Großbetrieben erfolgt. Auch Potenziale dieser Technologien werden von kleineren Betrieben   weniger gesehen. Mit der Thüringer Strategie für die Digitale Gesellschaft soll auf den bereits angegangenen Entwicklungen aufgesetzt werden und die Thüringer Wirtschaft sowie die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollen durch die Ausgestaltung von Rahmenbedingungen bei ihrem digitalen Wandel zielgerichtet
begleitet werden.